Ameisenamazonen: Kriegerische Prinzessinnen beschützen Blattschneiderameisen

Während große Staaten sich mit Berufsarmeen vor Bedrohungen schützen, können kleinere Staaten nicht dauerhaft ausreichende Zahlen von Berufssoldaten beschäftigen. Stattdessen ziehen sie Ihre Bürger nur im Kriegsfall ein. Bei staatenbildenden Insekten lässt sich ein ähnliches Muster beobachten: Speziell angepasste Soldatenkasten gibt es nur in großen Kolonien. Neue Untersuchungen zeigen, dass in Blattschneiderameisenkolonien junge Königinnen, die sich nicht paaren können, zu Soldaten „umgeschult“ werden, ähnlich wie es bei den mythischen Amazonen oder Walküren der Fall war, deren Fortpflanzung ebenfalls durch ihre soldatische Karriere behindert wurde.

Aggressive wingless Acromyrmex queen Weibliche Soldaten sind beim Menschen vor allem aus alten Sagen bekannt, etwa die Amazonen vom Schwarzen Meer und die Walküren oder Schildmaiden aus germanischen und nordischen Sagen. Diese weiblichen Kriegerinnen begannen ihre Karriere als Jungfrauen, und nach Herodot durfte keine Amazone heiraten, bevor sie im Kampf einen Mann getötet hatte. Auch sonst kann man annehmen, dass die Fortpflanzung dieser Frauen in einem gewissen Maße beeinträchtigt war. Hippokrates schrieb, dass den Amazonen die rechte Brust entfernt wurde, was den Gebrauch von Pfeil und Bogen erleichtern sollte. Andere Versionen des Mythos erwähnen, dass Männern der Zugang zu Amazonenterritorium untersagt war und friedliche Begegnungen mit Männern nur an wenigen Tagen des Jahres stattfanden.

Winged virgin Acromyrmex queenAmeisenkolonien pflanzen sich fort, indem sie jährlich viele Tochterköniginnen produzieren, welche sich auf einen Paarungsflug begeben und danach eine neue Kolonie gründen. Von Forschern der Universitäten Freiburg und Kopenhagen durchgeführte Untersuchungen brachten zu Tage, dass die von manchen Blattschneiderameisen produzierten Tochterköniginnen nicht nur der Fortpflanzung dienen, sondern auch zu jungfräulichen Soldatinnen „umschulen“ können, sollte die Fortpflanzung misslingen.

Die Wissenschaftler beobachteten im Freiland in Panama, wie flügellose Tochterköniginnen Kolonien verteidigten. Sie versuchten daraufhin, jungfräuliche Tochterköniginnen experimentell an der Fortpflanzung zu hindern, indem sie ihre Flügel entfernten. Die flügellosen Tochterköniginnen begannen, sich um die Brut der Kolonie zu kümmern. Außerdem kämpften sie mit Eindringlingen – ein Verhalten, welches bei normalen geflügelten Tochterköniginnen nicht vorkommt: Wenn diese einem Eindringling begegnen, versuchen sie, sich zu verstecken und jedem Risiko aus dem Weg zu gehen. Das ist verständlich, weil nur die Tochterköniginnen die Gene der Kolonie in die nächste Generation bringen können und sie deshalb besonders wertvoll sind. Sie überlassen die Verteidigung ihren in großer Zahl vorhandenen unfruchtbaren Arbeiterinnen.

Die Verhaltensänderung der Tochterköniginnen ist außergewöhnlich, stellt sie doch ein komplettes Umschalten von Königinnen- auf Arbeiterverhalten dar, ausgelöst allein durch den Verlust der Flügel. Es wirkt, als „wüssten“ die Töchter, dass sie sich ohne Flügel niemals paaren und eine eigene Kolonie gründen können. Daher ist alles, was ihnen bleibt, um den Fortpflanzungserfolg ihrer Kolonie zu fördern, ihren unverletzten Schwestern zu helfen. Diese haben noch die Möglichkeit, neue Kolonien zu gründen. Bei anderen Ameisenarten werden ähnlich beeinträchtigte Töchter einfach getötet und von ihren Schwestern gefressen, was die in den Körpern gespeicherte Energie für die Kolonie wieder verwendbar macht. Die Wissenschaftlervermuten, dass solcher Kannibalismus bei Blattschneiderameisen unmöglich ist, weil diese Ameisen sich ausschließlich von Pilzen ernähren, die sie selbst anbauen, und daher die Fähigkeit, Fleisch zu verdauen, verloren haben.

Üblicherweise können nur große Ameisenkolonien eine spezielle Soldatenkaste unterhalten, ähnlich wie bei Menschen, wo sich größere Staaten den Unterhalt großer Berufsarmeen leisten können. In Deutschland sind spezialisierte Soldatenkasten selten, weil die Ameisenkolonien aufgrund der klimatischen Bedingungen relativ klein bleiben und deshalb normale Arbeiter auch für die Verteidigung zuständig sind. Offenbar haben die Blattschneiderameisen der neuen Welt einen dritten Weg der effizienten Verteidigung entwickelt: Erfolglose Tochterköniginnen übernehmen die Soldatenrolle, für die sie zwar nie gedacht waren, aber aufgrund ihrer Körpergröße gut geeignet sind. Interessanterweise ist die Soldatenkarriere bei Ameisen genauso mit verhinderter Fortpflanzung verbunden, wie bei Amazonen und Walküren, von denen in alten Sagen die Rede ist.

 

Artikel:

Nehring, V., Boomsma, J.J. & d’Ettorre, P. (2012): Wingless virgin queens assume helper roles in Acromyrmex leaf-cutting ants. Current Biology 22: 671-673 doi:10.1016/j.cub.2012.06.038.

 

Kontakt:

Dr. Volker Nehring, Centre for Social Evolution, Universität Kopenhagen, Dänemark und Universität Freiburg: Volker.Nehring@biologie.uni-freiburg.de, Telefon +49 761 203 8346

Professor Jacobus J. Boomsma, Centre for Social Evolution, Universität Kopenhagen, Dänemark: JJBoomsma@bio.ku.dk, Telefon +45 353 213 40 oder +45 204 367 71

Professor Patrizia d’Ettorre, Centre for Social Evolution, Universität Kopenhagen, Dänemark & Laboratory of Experimental and Comparative Ethology, Universität Paris 13 – Université Sorbonne Paris Cité, Frankreich: Patrizia.dEttorre@leec.univ-paris13.fr, Telefon +33 665 163 200


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